Uhren, die „den Zucker messen“: warum das physikalisch unmöglich und gefährlich ist
Ein gewöhnlicher optischer Sensor am Handgelenk kann keine Glukose messen – nicht wegen schlechter Algorithmen, sondern weil er das nötige Signal gar nicht erfasst. Wir schauen uns die Physik an, eine frische Neuauswertung der Daten, die Position der FDA und das, was wirklich funktioniert.
Auf Online-Marktplätzen versprechen Dutzende Modelle von Uhren und Ringen die „Zuckermessung ohne Einstich“. Der Preis beginnt bei rund fünfzig Dollar, die Oberfläche wirkt überzeugend: eine Kachel mit einer Zahl, ein Tagesverlauf, sogar eine „Kalibrierung“. Die Verlockung ist verständlich, besonders wenn Sie bei langen Einheiten auf Ihre Ernährung achten. Das Problem ist: Die Zahl auf dieser Kachel ist nicht gemessen. Sie ist berechnet – aus Daten, in denen schlicht keine Information über Glukose steckt.
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Sie Diabetes haben, dürfen Entscheidungen über Insulin- und Medikamentendosen ausschließlich auf Basis eines zugelassenen Blutzuckermessgeräts oder eines Systems zur kontinuierlichen Glukosemessung getroffen werden.
Warum herkömmliche Optik keine Glukose sieht
In Consumer-Uhren steckt ein Sensor für Photoplethysmographie (PPG): Leuchtdioden und eine Fotodiode. Grün bei etwa 525 nm für den Puls, Rot bei rund 660 nm und Infrarot bei rund 940 nm für die Sauerstoffsättigung. Diese Wellenlängen sind auf Hämoglobin und Oxyhämoglobin abgestimmt, nicht auf Glukose.
Glukose ist in physiologischen Konzentrationen ein sehr schwacher Lichtabsorber. Es geht um eine Lösung in der Größenordnung von einem Zehntel Prozent. Im nahen Infrarot, wo Silizium-Fotodioden arbeiten, ist ihre Absorptionsbande schwach und geht vollständig in den weitaus stärkeren Banden von Wasser, Hämoglobin, Lipiden und Proteinen unter.
Die für Glukose aussagekräftigen Banden liegen woanders: im mittleren Infrarot, im „Fingerabdruck“-Bereich bei 8–12 µm, wo die C–O- und C–C-Bindungen schwingen, sowie in den Raman-Verschiebungen. Um dorthin zu gelangen, braucht es Quantenkaskadenlaser oder starke Laser mit spezieller Optik. In einem Armband für 50 Dollar gibt es die nicht – und kann es sie auch nicht geben.
Das ist der entscheidende Unterschied zur Geschichte mit dem Puls. Dort existiert ein Signal, es ist nur schwach und geht im Rauschen unter – ein guter Algorithmus kann es herausholen. Hier dagegen gibt es überhaupt kein Signal.
Was die Neuauswertung der Daten gezeigt hat
Die überzeugendste Bestätigung kam nicht aus der Physik, sondern aus der Statistik.
Forschende nahmen sich den offenen Datensatz des BIG IDEAs Lab vor: 15 Teilnehmende, von denen jede Person gleichzeitig das System zur kontinuierlichen Glukosemessung Dexcom G6 und das Forschungsarmband Empatica E4 trug – ein Gerät, das weit besser ausgestattet ist als Massenmarkt-Uhren: Puls, Hauttemperatur, Hautleitfähigkeit, Bewegung.
Entscheidend ist, wie man eine solche Prüfung durchführt. Mischt man die Daten aller Teilnehmenden und teilt sie zufällig in Trainings- und Testdaten auf, merkt sich das Modell einfach das individuelle Grundniveau jeder Person und zeigt eine schöne Genauigkeit. Das ist ein Datenleck (Data Leakage) – und genau darauf beruhen die meisten spektakulären Demonstrationen.
Die Autoren der Neuauswertung nutzten eine Aufteilung nach Personen: Die Daten eines Menschen konnten nicht gleichzeitig im Training und im Test landen. Und sie prüften drei verschiedene Modellfamilien – Gradient Boosting, ein vollständig faltendes Netz und ein temporales Faltungsnetz.
Alle drei stießen an dieselbe Decke. Das ist grundlegend: Wenn völlig unterschiedliche Architekturen dasselbe Ergebnis liefern, liegt die Begrenzung nicht im Modell, sondern in den Daten.
Wie schlecht genau? Die Vorhersage allein aus den Armbanddaten ergab einen Fehler von etwa 22,6 mg/dl – statistisch nicht unterscheidbar davon, anhand der Tageszeit zu raten oder einfach den Gruppendurchschnitt zu nehmen. Nahm man Pulswelle, Hauttemperatur, elektrodermale Aktivität und Beschleunigungssensor zusätzlich ins Modell auf, verschob sich der Fehler von 13,56 auf 13,60 mg/dl, änderte also gar nichts.
Die Formulierung der Autoren lässt keinen Interpretationsspielraum: Die Signale vom Handgelenk enthielten null Information über Glukose, und eine Sensorfusion kann nicht wiederherstellen, was nie aufgezeichnet wurde.
Was die Regulierungsbehörden sagen
FDA, Sicherheitswarnung vom 21. Februar 2024: Die Behörde hat keine einzige Smartwatch und keinen einzigen Smart Ring autorisiert, freigegeben oder zugelassen, die den Glukosewert ohne Einstich in die Haut messen oder schätzen sollen. Die Warnung gilt markenübergreifend – die Aufsicht fand solche Geräte bei Dutzenden Unternehmen unter zahlreichen Handelsmarken.
Das Risiko ist unmissverständlich benannt: Ein ungenauer Messwert kann zu einer falschen Dosis Insulin oder eines blutzuckersenkenden Medikaments führen, und die Folge können Verwirrtheit, Koma oder Tod innerhalb von Stunden sein.
Deutschland, Bundesnetzagentur, Februar 2026. Bei Kontrollen im Einzelhandel prüfte die Behörde im Rahmen der Marktüberwachung rund 2.100 Gerätetypen, und 58 % davon erfüllten die Anforderungen nicht. Im Jahr 2025 hielt die Behörde 7,7 Mio. nicht konforme Elektrogeräte vom Markt fern. Gesondert hervorgehoben wurden Uhren, bei denen die Funktion der Zuckermessung lediglich simuliert ist: Die Anzeigewerte entstehen aus nicht zusammenhängenden Sensoren oder aus Schätzwerten, werden aber als echte Messungen ausgegeben. Solche Modelle wurden in das europäische Schnellwarnsystem Safety Gate aufgenommen.
Wie das in der Praxis aussieht, zeigte ein unabhängiger Test der günstigen Uhr Kospet iHeal 6 gegen Laborglukosemessgeräte: Das Gerät erkannte weder eine Hypoglykämie noch eine Hyperglykämie. Bei tatsächlichen 10,4 mmol/l zeigte es 5,7 an, bei 2,3 mmol/l dann 7,0. Es lieferte also unabhängig vom Geschehen stets den „Normalbereich“. Im März 2024 teilte der Hersteller mit, die Produktion des Modells einzustellen.
Was wirklich funktioniert – und was es noch nicht gibt
Hier braucht es Ehrlichkeit in beide Richtungen. „Die Technologie existiert nicht“ wäre zu stark formuliert. Ernstzunehmende Verfahren gibt es, und sie haben klinische Daten. Was fehlt, ist ein zugelassenes Produkt.
DiaMonTech (Deutschland) liefert das stärkste begutachtete Ergebnis. Das Verfahren: photothermische Spektroskopie im mittleren Infrarot mit Quantenkaskadenlasern, also genau jene 8–12 µm, an die Consumer-Optik nicht heranreicht. In der Arbeit von Kaluza et al. (Communications Medicine, 2025) – eine prospektive Studie am Institut für Diabetes-Technologie in Ulm, 36 Teilnehmende, mit einer Genauigkeit auf dem Niveau früher Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung. Aber es handelt sich um ein Tischgerät und nicht um ein Armband; eine Version fürs Handgelenk existiert nicht.
Apple verfolgte ein Programm auf Basis von Silizium-Photonik: 2023 wurde von einem Machbarkeitsnachweis berichtet, doch der Prototyp hatte iPhone-Format und wurde am Oberarm getragen. Öffentlich heißt es: „Jahre bis zu einem Produkt, wenn überhaupt.“ Samsung erforscht die Raman-Spektroskopie gemeinsam mit dem MIT und spricht von Entwicklung, ein Produkt gibt es aber nicht. Rockley Photonics, das eine „Klinik am Handgelenk“ versprach, durchlief 2023 ein Insolvenzverfahren, ohne je ein kommerzielles Gerät herausgebracht zu haben.
Radiofrequenz-Verfahren (Know Labs, Afon, Hagar) melden ordentliche Zahlen, allerdings an Stichproben in der Größenordnung von fünf Personen und überwiegend in eigenen Materialien. Eine Zulassung hat niemand.
Die Vorgeschichte ist hier lang und lehrreich. GlucoWatch erhielt bereits 2001 die FDA-Zulassung – und verschwand wieder vom Markt: Hautreizungen, drei Stunden Aufwärmzeit und die Unfähigkeit, schnelle Veränderungen zu verfolgen. Die Kontaktlinse von Google/Verily wurde 2018 eingestellt: Die Korrelation zwischen der Glukose in der Tränenflüssigkeit und im Blut erwies sich als unzureichend. Das Muster ist stets dasselbe: Ein schwaches Signal geht im Rauschen unter, und das Kalibriermodell beginnt zu raten, statt zu messen.
Was das für Sportler bedeutet
- Kaufen Sie keine Uhr wegen des „Zuckers“. Für dieses Geld bekommen Sie einen Generator plausibler Zahlen. Wenn Sie Diabetes haben, ist das ein unmittelbares Gesundheitsrisiko.
- Brauchen Sie echte Daten, nehmen Sie etwas, das die Haut durchsticht. Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung funktionieren und sind validiert. Seit 2024 ist ein Teil von ihnen rezeptfrei erhältlich: Dexcom Stelo (FDA-Freigabe im März 2024, das erste rezeptfreie CGM), Abbott Lingo und Libre Rio (Juni 2024). Die Genauigkeitsanforderung der FDA ist hier konkret: mindestens 95 % der Messwerte innerhalb von 15 % des Referenzwerts.
- Unterscheiden Sie Risikoschätzung von Messung. Ein Wearable darf durchaus legitim das Stoffwechselrisiko oder Muster anhand von Puls und Herzratenvariabilität einschätzen – wenn es das ehrlich als Schätzung bezeichnet und nicht als Glukosewert.
- Denken Sie an Supersapiens. Das Projekt baute auf einem echten Sensor von Abbott auf und wurde Anfang 2024 trotzdem eingestellt: keine Zulassung in den USA, keine Skalierung in Europa. Die Nachfrage nach Glukosedaten unter Sportlern ist real, überleben aber nur Lösungen mit minimalinvasiven Sensoren.
- Planen Sie die Ernährung mit Berechnung, nicht mit Sensor. Für die allermeisten Aufgaben auf der Langdistanz genügt es, den Kohlenhydratbedarf zu berechnen und die Verträglichkeit zu trainieren – der Rechner unten liefert den Ausgangspunkt.
Einschränkungen
Die Neuauswertung der BIG-IDEAs-Lab-Daten ist ein Preprint ohne vollständige Begutachtung, an einer Stichprobe von 15 gesunden Menschen mit normaler Glykämie. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass starke Glukoseschwankungen bei Menschen mit Diabetes sich theoretisch teilweise in physiologischen Signalen abbilden könnten. Für ein breites Publikum ist die Schlussfolgerung aber belastbar und deckt sich mit der Physik.
Die Daten der Unternehmen, die Radiofrequenz-Verfahren entwickeln, sind größtenteils eigene Angaben an kleinen Stichproben; unabhängige Validierung gibt es kaum. Am verlässlichsten sind hier begutachtete Publikationen, nicht Pressemitteilungen.
Und gesondert: Presseberichte über „Durchbrüche“ bei Apple, Samsung und Huawei stehen in der Regel im Konjunktiv. Solange keine Zulassung einer Behörde vorliegt, sind das Pläne und keine Fakten.
Das Wichtigste
- Glukose ist ein schwacher Lichtabsorber, und ihre Bande im nahen Infrarot geht in den Signalen von Wasser, Hämoglobin und Proteinen unter. Die grünen, roten und Infrarot-LEDs der Uhren sind auf Hämoglobin abgestimmt, nicht auf Zucker.
- Die nötigen Banden liegen im mittleren Infrarot (8–12 µm) und erfordern Quantenkaskadenlaser – in einem Armband gibt es die nicht.
- Neuauswertung mit Aufteilung nach Personen: Die Signale vom Handgelenk enthalten null Information über Glukose; drei verschiedene Architekturen stießen an dieselbe Decke.
- Die FDA hat keine einzige Uhr und keinen einzigen Ring zur Glukosemessung zugelassen; ein Fehler bei der Insulindosis kann das Leben kosten.
- Bundesnetzagentur: 58 % der geprüften Gerätetypen erfüllten die Anforderungen nicht; Uhren mit „simulierter“ Zuckermessung wurden in Safety Gate aufgenommen.
- Ernstzunehmende Verfahren (mittleres Infrarot, Raman-Spektroskopie, Radiofrequenz) existieren und haben klinische Daten, ein zugelassenes tragbares Produkt hat aber niemand.
- Der realistische Weg zu Glukosedaten führt heute über minimalinvasive CGM, teils auch rezeptfrei.
Quellen: U.S. Food and Drug Administration, „Do Not Use Smartwatches or Smart Rings to Measure Blood Glucose Levels: FDA Safety Communication“, 21. Februar 2024. https://www.fda.gov/medical-devices/safety-communications/do-not-use-smartwatches-or-smart-rings-measure-blood-glucose-levels-fda-safety-communication. Kaluza L. et al. „Clinical validation of noninvasive blood glucose measurements by midinfrared spectroscopy“, Communications Medicine, 2025. https://doi.org/10.1038/s43856-025-01241-7. Neuauswertung des Datensatzes BIG IDEAs Lab Glycemic Variability and Wearable Device Data (Dexcom G6 + Empatica E4), Preprint, 2026; Originaldatensatz: https://physionet.org/content/big-ideas-glycemic-wearable/1.1.1/. Bundesnetzagentur, Pressemitteilung zu den Ergebnissen der Marktüberwachung, Februar 2026.