Body Battery, Recovery, Readiness: 14 „Bereitschaftswerte“ von 10 Marken — und keine einzige veröffentlichte Formel

Im Mai brachte Google das Fitbit Air heraus — einen Tracker ohne Display, dessen wichtigste Zahl die „Bereitschaft“ ist. Solche Indizes haben Garmin, WHOOP, Oura, Polar, Coros. Eine Analyse von 2025 fand 14 derartige Werte bei 10 Herstellern: Die Formel hat keiner offengelegt, eine Prüfung gegen einen Referenzstandard konnten nur wenige vorweisen. Dafür werden manche der zugrunde liegenden Rohdaten recht ordentlich gemessen.

Body Battery, Recovery, Readiness: 14 „Bereitschaftswerte“ von 10 Marken — und keine einzige veröffentlichte Formel

Am 7. Mai 2026 brachte Google das Fitbit Air heraus — einen Tracker ohne Display für $99,99. Mit Armband wiegt er 12 Gramm, zeigt selbst nichts an, und das Wichtigste, was Nutzer morgens in der App sehen, ist der Readiness Score, die „Bereitschaft“ für Belastung. Dieselbe Idee steckt in Garmin (Body Battery und Training Readiness), WHOOP (Recovery), Oura (Readiness) und Polar (Nightly Recharge). Eine einzige Zahl von 0 bis 100 entscheidet, ob heute Intervalle auf dem Plan stehen.

Die Frage, die man stellen sollte, bevor man den Trainingsplan umbaut: Was ist das für eine Zahl, und hat jemand geprüft, ob sie bedeutet, was sie verspricht?

Was geprüft wurde

2025 veröffentlichten Cathal Doherty und Kollegen — darunter Marco Altini, der Entwickler der App HRV4Training — in Translational Exercise Biomedicine die erste systematische Analyse solcher Indizes. Die Autoren nennen sie zusammengesetzte Gesundheitswerte (Composite Health Scores): eine Zahl, die aus mehreren Sensorsignalen gebildet wird.

Die Methode ist einfach und aufschlussreich. Die Forscher sammelten alles, was die Hersteller selbst veröffentlichen: technische White Papers, Handbücher, App-Screens und, sofern vorhanden, wissenschaftliche Artikel. Dann sahen sie sich an, woraus jeder Wert besteht.

Gefunden wurden 14 Werte von 10 Herstellern:

  • Fitbit — Daily Readiness;
  • Garmin — Body Battery und Training Readiness;
  • Oura — Readiness und Resilience;
  • WHOOP — Strain, Recovery und Stress Monitor;
  • Polar — Nightly Recharge;
  • Samsung — Energy Score;
  • Suunto — Body Resources;
  • Ultrahuman — Dynamic Recovery;
  • Coros — Daily Stress;
  • Withings — Health Improvement Score.

Was drinsteckt

Die Zutaten sind überall ähnlich:

  • Herzfrequenzvariabilität (HRV) — in 12 von 14 Werten (86%);
  • Ruhepuls — in 11 von 14 (79%);
  • Tagesaktivität — in 10 von 14 (71%);
  • Schlafdauer — in 10 von 14 (71%).

Danach beginnen die Unterschiede. Unterschiedliche Zeitfenster der Datenerfassung: Manche Werte beziehen sich auf die letzte Nacht, andere mitteln über mehrere Tage, und die Body Battery von Garmin wird sogar im Laufe des Tages „verbraucht“. Unterschiedliche Gewichtung der Komponenten. Unterschiedliche Berechnungsregeln.

Und vor allem: Kein einziger Hersteller hat die genaue Formel offengelegt. Eine empirische Prüfung oder begutachtete Daten dazu, dass der Wert genau ist und für Gesundheit oder Leistung etwas aussagt, legten nur wenige vor. Das Fazit der Autoren: Die Idee ist vielversprechend, doch die wissenschaftliche Fundierung, Transparenz und klinische Anwendbarkeit solcher Indizes bleiben unklar.

Das heißt nicht, dass die Zahlen zufällig sind. Es heißt, dass niemand von außen sagen kann, wie sehr man ihnen trauen darf.

Und die Rohdaten hinter dem Wert?

Hier gibt es Daten. Ebenfalls 2025 prüften Michael Dial und Kollegen (Physiological Reports) nächtlichen Ruhepuls und HRV von fünf Geräten gegen das EKG: 13 gesunde Erwachsene (6 Frauen) schliefen gleichzeitig mit einem Referenz-EKG und mehreren Gadgets, insgesamt 536 Nächte.

HRV — Übereinstimmung mit dem EKG (Lins Konkordanzkorrelationskoeffizient, CCC) und mittlerer absoluter Fehler:

  • Oura Gen 4 — CCC 0,99, Fehler 5,96%;
  • Oura Gen 3 — 0,97, 7,15%;
  • WHOOP 4.0 — 0,94, 8,17%;
  • Garmin Fenix 6 — 0,87, 10,52%;
  • Polar Grit X Pro — 0,82, 16,32%.

Der Ruhepuls wird besser gemessen: Bei Oura liegt der Fehler bei 1,67–1,94%, bei Polar bei 2,71%, bei WHOOP bei 3,00%. Garmin wurde wegen methodischer Abweichungen aus der Ruhepuls-Analyse ausgeschlossen.

Ein Gedanke aus dem Abschnitt über die Einschränkungen dieser Arbeit verdient es, sinngemäß zitiert zu werden: Jedes Gerät hat seinen eigenen Algorithmus, und es ist fast nichts darüber bekannt, welche Metriken mit welchem Gewicht die „Bereitschaft“ oder „Erholung“ bilden, die der Nutzer am Ende sieht. Zudem werden die Algorithmen regelmäßig aktualisiert.

Warum eine einzige Zahl täuscht

Drei Schichten Unsicherheit addieren sich.

  1. Sensorfehler. Liegt die nächtliche HRV im Mittel um 10–16% daneben, kann ein morgendliches „minus 8% gegenüber der Norm“ bloßes Messrauschen des Geräts sein und keine Ermüdung.
  2. Schlaf wird schlechter erfasst, als man denkt. Tracker erkennen Schlaf recht gut, Wachphasen aber schlecht: Eine Nacht mit häufigem Aufwachen wirkt länger und besser, als sie war. Und die Schlafdauer fließt in 71% der Werte ein.
  3. Unbekannte Gewichte und Zeitfenster. Zwei Werte bei derselben Person können völlig legitim auseinanderliegen, einfach weil der eine auf die letzte Nacht schaut und der andere auf die ganze Woche.

Deshalb ist es sinnlos, die „Bereitschaft“ verschiedener Marken zu vergleichen, und nach einem Wechsel der Uhr oder der Firmware sollte man die alte Historie besser nicht als vergleichbar betrachten.

Wie man das anwendet

  • Achten Sie auf die Bestandteile, nicht auf das Endergebnis. Morgendliche HRV und Ruhepuls im Verhältnis zu Ihrer persönlichen Norm — das ist zumindest teilweise geprüft. Wie man das Training nach HRV steuert, ohne sich selbst zu täuschen, steht im Beitrag über HRV-gesteuertes Training.
  • Ein Tag ist Rauschen, mehrere Tage sind ein Signal. Eine HRV unter der Norm und ein erhöhter Ruhepuls an mehreren Morgen hintereinander sagen mehr als eine einzelne rote Zahl.
  • Halten Sie Ihr Körpergefühl dagegen. Rote „Bereitschaft“, aber das Aufwärmen fühlt sich leicht an und der Puls im gewohnten Tempo ist normal — dann kann das Training stattfinden, eventuell mit reduziertem Umfang. Eine grüne Zahl bei schweren Beinen und hoher wahrgenommener Anstrengung ist kein Grund, Gas zu geben.
  • Ein Gerät, gleiche Bedingungen. Dasselbe Gerät, dieselbe Hand oder derselbe Finger, Messung in der Nacht. Vergleichen Sie die Zahlen verschiedener Marken nicht miteinander.
  • Sie wählen ein Gadget wegen der HRV aus — in der Prüfung von Dial stimmten der Oura-Ring und WHOOP besser mit dem EKG überein als die Uhren von Garmin und Polar. Für die Intervalleinheiten selbst misst ein Brustgurt den Puls nach wie vor genauer.
  • Legen Sie Ihre Zonen anhand von Tests fest, nicht anhand der „Bereitschaft“. Der Wert kennt Ihre Schwelle nicht — das übernimmt der Zonengenerator auf Basis Ihrer Testergebnisse.

Das Wichtigste

  • Die Analyse von 2025 fand 14 zusammengesetzte Werte bei 10 Herstellern — Fitbit, Garmin, Oura, WHOOP, Polar, Samsung, Suunto, Ultrahuman, Coros, Withings.
  • Drin stecken fast immer HRV (86%), Ruhepuls (79%), Aktivität und Schlaf (je 71%), aber Zeitfenster, Gewichte und Formeln sind überall verschieden und nicht offengelegt; eine Validierung legten nur wenige vor.
  • Die Rohdaten werden unterschiedlich gut gemessen: Die nächtliche HRV liegt bei Oura um 6–7% daneben, bei WHOOP um 8%, bei der Garmin Fenix 6 um 10,5%, bei der Polar Grit X Pro um 16%.
  • Nutzen Sie den Trend von HRV und Ruhepuls über mehrere Tage und Ihr eigenes Körpergefühl — und die „Bereitschaft“ als Erinnerung, darauf zu schauen, nicht als Entscheidung.

Quellen: Doherty C., Baldwin M., Lambe R., Burke D., Altini M. „Readiness, recovery, and strain: an evaluation of composite health scores in consumer wearables“. Translational Exercise Biomedicine, 2025;2:128–144. DOI: 10.1515/teb-2025-0001 · Dial M.B., Hollander M.E., Vatne E.A., Emerson A.M., Edwards N.A., Hagen J.A. „Validation of nocturnal resting heart rate and heart rate variability in consumer wearables“. Physiological Reports, 2025;13(16):e70527. DOI: 10.14814/phy2.70527