Das „Alles-in-einem“-Pulver: 75 Zutaten in 12 Gramm — und was davon belegt ist
Der Hersteller von AG1 hat eine Studie an 16 Personen finanziert und gezeigt, dass die Vitamine aus dem Pulver tatsächlich ins Blut gelangen. Das stimmt — und es ist nicht dasselbe wie „es wirkt“. Die Arithmetik der Portion erklärt, warum der pflanzliche Teil der Rezeptur fast zwangsläufig unterdosiert ist.

Im November 2024 brachte David Beckham IM8 auf den Markt — ein Tagespulver aus rund 90 deklarierten Zutaten, das als Ersatz für sechzehn einzelne Nahrungsergänzungsmittel positioniert wird. Der Konkurrent AG1 bringt 75 Zutaten in einer Portion von 12 Gramm unter. Im August 2026 hat die Debatte über diese Dosen auch die russischsprachigen Lauf-Kanäle erreicht, es lohnt sich also, genauer hinzusehen.
Die Kategorie hat einen schönen Namen — greens powders, „grüne Pulver“. Das Versprechen ist immer dasselbe: ein Messlöffel statt des ganzen Regals.
Was der Hersteller tatsächlich belegt hat
2026 erschien in Frontiers in Nutrition eine Studie zur Pharmakokinetik von AG1. Das Design ist ehrlich: randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert, im Cross-over, mit einer Woche Auswaschphase. Teilnehmer waren 16 gesunde körperlich aktive Erwachsene (8 Männer, 8 Frauen). Nach zehnstündigem Fasten gab es eine Portion von 13 g oder Placebo, in Geschmack und Aussehen nicht unterscheidbar. Blutentnahme nach 0, 30, 60, 90, 120, 180, 240, 360 und 480 Minuten.
Das Ergebnis: Signifikant gestiegen ist die Konzentration von Folat, Calcium, Zink, Vitamin C, Biotin, Thiamin, Riboflavin, Nicotinamid und Hesperidin. Pyridoxin bewegte sich in die richtige Richtung, erreichte aber keine Signifikanz.
Die Schlussfolgerung ist korrekt und sehr eng: Die Substanzen aus dem Pulver werden resorbiert. Das ist keine Tautologie — es kommt vor, dass ein Stoff in der Dose enthalten ist, im Blut aber nicht auftaucht. Es ist aber auch nicht das, wofür bezahlt wird.
Was die Studie nicht gezeigt hat und nicht zeigen wollte: dass man sich dadurch besser fühlt, leistungsfähiger ist, schneller regeneriert oder seltener krank wird. Eine Einmalgabe nüchtern mit Blutentnahme über acht Stunden ist ein Protokoll zur Bioverfügbarkeit und nicht zum Nutzen.
Und eine eigene Zeile: Der Erstautor der Arbeit leitet die wissenschaftliche Forschung bei AG1 selbst. Das macht die Daten nicht falsch, bedeutet aber, dass es bislang keine unabhängige Replikation gibt.
Die Arithmetik, die alles erklärt
Nehmen Sie eine Portion von 12–13 Gramm. Ziehen Sie die Vitamine und Mineralstoffe in den deklarierten Dosen ab, ziehen Sie die Füllstoffe, Süßungsmittel und Säuren ab, die den Geschmack liefern. Für den gesamten „Pflanzenkomplex“ aus zwei Dutzend Positionen bleiben in der Größenordnung anderthalb Gramm übrig.
Anderthalb Gramm auf 21 Zutaten sind im Mittel einige zehn Milligramm pro Position. Die Dosen, in denen dieselben Extrakte in klinischen Studien untersucht wurden, liegen üblicherweise ein bis zwei Größenordnungen höher. Shiitake-Pulver, Ashwagandha, Beerenextrakte — all das ist in einer solchen Portion eher als Zeile auf dem Etikett vorhanden als in wirksamer Menge.
Das Phänomen ist als label dressing bekannt: Die Zutatenliste ist lang, um Eindruck zu machen, und nicht, um zu wirken. Proprietäre Mischungen, bei denen nur die Gesamtmasse des Blocks ohne Aufschlüsselung der einzelnen Positionen angegeben ist, machen eine Überprüfung grundsätzlich unmöglich.
Genau dieselbe Logik gilt für IM8 mit seinen neunzig Zutaten. Je länger die Liste bei gleichbleibender Portionsmasse, desto weniger entfällt auf jede Zeile.
Mikrobiom: ebenfalls ein enges Ergebnis
Eine separate zweiwöchige RCT an 20 trainierten Männern und Frauen zeigte einen signifikanten Anstieg der Zahl vierer potenziell nützlicher Bakterienarten im Stuhl. Dabei veränderte sich die Gesamtdiversität des Mikrobioms nicht, und auch der Fragebogen zur Verdauungsqualität bewegte sich nicht.
Es gibt also ein messbares biologisches Signal, einen für den Menschen spürbaren Effekt fand man in diesem Experiment jedoch nicht.
Ein eigenes Risiko für Sportler
Mehrkomponentige Produkte sind aus Sicht der Antidoping-Risiken die schlechteste Variante. Je mehr Pflanzenextrakte in der Dose sind, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer Beimengung oder Verunreinigung — und desto schwerer ist es hinterher, die Herkunft eines Befundes zu erklären. Für Sportler, die unter Testung fallen, ist es sinnvoll, ausschließlich auf Produkte mit Zertifizierung durch Prüfprogramme Dritter zu schauen — und sich trotzdem bewusst zu sein, dass die Verantwortung für den Inhalt bei ihnen liegt.
Wie man das anwendet
- Kaufen Sie das Pulver nicht wegen des „pflanzlichen Teils“. Dafür wird am meisten bezahlt, und wirksame Dosen sind dort fast sicher nicht enthalten.
- Wenn Sie Vitamine brauchen — nehmen Sie Vitamine. Ein gewöhnliches Multivitaminpräparat liefert dasselbe günstiger, und seine Zusammensetzung lässt sich ohne Rätselraten lesen.
- Was wirkt, kauft man einzeln und in wirksamen Dosen: Kreatin 3–5 g, Koffein 3–6 mg/kg, Nitrate aus Roter Bete, Natriumbicarbonat. All das hat eine Evidenzbasis und eine verständliche Dosierung — aber genau deshalb, weil es einzeln eingenommen wird.
- Ein Mangel wird nach Laborwerten behandelt und nicht per Abo. Eisen, Vitamin D, B12 — wenn sie niedrig sind, braucht es konkrete Dosen und nicht vierzig Milligramm „für alle Fälle“.
- Zuerst das Essen. Eine Portion Gemüse und Hülsenfrüchte deckt den größten Teil derselben Liste ab und kostet weniger als ein Monatsabo für das Pulver.
- Prüfen Sie, wer die Studie bezahlt hat. Eine Finanzierung durch den Hersteller ist kein Urteil, verlangt aber eine unabhängige Replikation, bevor man die Frage als geklärt betrachtet.
Das Wichtigste
- IM8 (Start November 2024, unter den Gründern David Beckham) deklariert rund 90 Zutaten; AG1 — 75 in einer Portion von 12 g.
- Frontiers in Nutrition, 2026: RCT, doppelblind, im Cross-over, n = 16, eine Einmalportion von 13 g — signifikant gestiegen sind Folat, Calcium, Zink, Vitamin C, Biotin, Thiamin, Riboflavin, Nicotinamid, Hesperidin.
- Das ist ein Beleg für Resorption und nicht für Nutzen: Leistungsfähigkeit, Regeneration und Befinden wurden im Protokoll nicht gemessen.
- Der Erstautor ist Mitarbeiter des Herstellerunternehmens; eine unabhängige Replikation fehlt.
- Die Arithmetik der Portion lässt für den Pflanzenkomplex etwa 1,5 g auf 21 Zutaten übrig — einige zehn Milligramm pro Position gegen Dosen, die in Studien ein bis zwei Größenordnungen höher liegen.
- Zweiwöchige RCT (n = 20): 4 Bakterienarten nahmen zu, die Gesamtdiversität des Mikrobioms und die subjektive Verdauungsqualität blieben unverändert.
- Mehrkomponentige Produkte erhöhen das Antidoping-Risiko für getestete Sportler.
Quellen: Sapp P. et al. „Absorption kinetics of vitamins and minerals from a novel nutritional product in physically active adults: a randomized, double-blind, placebo-controlled crossover trial“, Frontiers in Nutrition, 2026. https://doi.org/10.3389/fnut.2026.1793264 · NutraIngredients, „AG1 study finds greens powder increases circulation of multiple micronutrients“, 23.07.2026 · ConsumerLab, Übersicht der Zusammensetzung von Athletic Greens AG1