Pronation: der „Marketing-Mythos“, der in der einzigen verblindeten RCT funktioniert hat
372 Läufer, ein halbes Jahr Beobachtung, äußerlich identische Schuhe: Das Stabilmodell senkte das Verletzungsrisiko um 45 %, bei Läufern mit pronierendem Fuß sogar um 66 %. Warum das trotzdem kein Grund ist, der Videoanalyse im Laufladen zu glauben.

Pronation ist das Wort, das Einsteiger im Laufladen mehr verunsichert als alles andere. Dreißig Sekunden auf dem Laufband, eine Kamera von hinten, der Verkäufer zeigt das Standbild: „Sehen Sie, der Fuß knickt nach innen — Sie brauchen Stabilschuhe.“ Eine Woche später liest derselbe Einsteiger im Netz, Pronation sei eine Erfindung des Marketings, es gebe keinerlei Zusammenhang mit Verletzungen, und „Stabilschuhe“ habe man sich nur ausgedacht, um Laufschuhe teurer zu verkaufen.
Beide Versionen klingen selbstsicher. Das Problem ist: Eine ernstzunehmende randomisierte Studie zu diesem Thema gibt es im Grunde nur eine.
Was Pronation überhaupt ist
Pronation ist ein normaler Teil des Laufschritts. Beim Aufsetzen knickt der Fuß nach innen, das Längsgewölbe flacht etwas ab, und das wirkt wie ein Stoßdämpfer. Kein Defekt, kein Schaden. Es geht immer nur um das Ausmaß: Bei manchen ist das Einknicken stärker und dauert über die Bodenkontaktzeit hinweg länger.
Und dann beginnt der unangenehme Teil — die Messung. Der nasse Fußabdruck auf Papier, die Gewölbehöhe im Stand, das Abnutzungsmuster der Sohle, das Video auf dem Laufband und der klinische Foot Posture Index (FPI-6) — eine validierte Skala aus sechs Merkmalen, die von geschultem Personal erhoben wird — liefern für ein und dieselbe Person unterschiedliche Antworten. Wenn Sie irgendwo lesen „Pronation hängt mit Verletzungen zusammen“ oder „hängt eben nicht zusammen“, sollten Sie als Erstes fragen, mit welcher dieser Methoden sie gemessen wurde.
Die Studie, auf der alles beruht
Malisoux und Kollegen, British Journal of Sports Medicine, 2016. 372 Freizeitläufer, Luxemburg, Beobachtung über 6 Monate.
Das Design, wegen dem sich die Arbeit zu lesen lohnt: Alle bekamen dasselbe Schuhmodell in zwei Versionen — eine normale und eine mit Stabilisierungselement (Mittelsohle mit doppelter Dichte auf der medialen Seite). Äußerlich waren die Paare nicht zu unterscheiden, verblindet waren also sowohl die Teilnehmer als auch diejenigen, die die Verletzungen erfassten. Der Fuß wurde nach FPI klassifiziert. Ihr Training protokollierten die Teilnehmer in einem Tagebuch.
Die Ergebnisse:
- Das Gesamtverletzungsrisiko fiel in den Stabilschuhen niedriger aus: HR = 0,55 (95-%-KI 0,36–0,85) — also rund 45 % weniger.
- Pronierender Fuß (n = 94): HR = 0,34 (0,13–0,84). Der stärkste Effekt.
- Neutraler Fuß (n = 218): HR = 0,78 (0,44–1,37) — kein Unterschied.
- Supinierender Fuß (n = 60): HR = 0,59 (0,20–1,73) — kein Unterschied.
- Und das spiegelbildliche Ergebnis: Läufer mit pronierendem Fuß verletzten sich in den normalen Schuhen häufiger als Läufer mit neutralem Fuß — HR = 1,80 (1,01–3,22).
Fünf Jahre später erschien eine Sekundäranalyse derselben Daten (Willems et al., JOSPT, 2021). Die Verletzungen wurden aufgeteilt in „pronationsbezogene“ — Achillessehnen-Tendinopathie, Plantarfasziitis, Schmerz an der Knievorderseite, Schienbeinschmerz (25 Fälle) — und alle übrigen (68 Fälle). Die Stabilschuhe senkten nur das Risiko der ersten Gruppe: HR = 0,41 (0,17–0,98) gegenüber HR = 0,68 (0,41–1,10) für die übrigen.
Warum das kein Grund ist, in den Laden zu rennen
Die Einschränkungen sind zahlreicher, als es auf den ersten Blick scheint.
Es ist eine einzige Studie und ein einziges Modellpaar. „Motion Control“ ist kein Standard: Verschiedene Marken verstehen darunter ganz verschiedene Konstruktionen — vom dichten Keil über den steifen Fersenrahmen bis zur Geometrie des Leistens. Das Ergebnis auf jedes Regal mit der Aufschrift „Stabilität“ zu übertragen, ist durch nichts gedeckt.
Die Subgruppen sind klein, und die Konfidenzintervalle stoßen an die Eins. 0,84 und 0,98 als obere Grenze — das ist ein Ergebnis, das hält, aber ohne jede Reserve.
Den Fuß beurteilte eine Fachkraft nach FPI, nicht eine Kamera in einer halben Minute. Die Videoanalyse im Laden ist eine ganz andere Methode, und die Übereinstimmung zwischen ihr und der klinischen Beurteilung ist gering.
Die Aufteilung der Verletzungen in „pronationsbezogene“ war eine Entscheidung der Autoren der Sekundäranalyse. Eine plausible, aber eben nicht vorab registrierte Hypothese.
Und schließlich ist der Schuheffekt überhaupt an Bedingungen geknüpft. In einer anderen großen RCT derselben Gruppe (848 Läufer) wirkte sich die Dämpfung vor allem bei den schwereren Teilnehmern auf das Verletzungsrisiko aus. Schuhe funktionieren nicht „im Allgemeinen“, sondern für ein bestimmtes Läuferprofil.
Wie Sie das anwenden
- Übertragen Sie das Ergebnis nicht auf dreißig Sekunden Laufband. Wer sich auf Daten stützen will, braucht eine Fußbeurteilung durch eine Fachkraft, kein Standbild.
- Ein Stabilmodell ist ein begründetes Experiment, wenn zwei Bedingungen zusammenkommen: ausgeprägte Pronation und wiederkehrende Beschwerden an Achillessehne, Plantarfaszie, Schienbein oder Knievorderseite.
- Neutraler Fuß — nehmen Sie das, worin es sich gut anfühlt. Belege für einen Nutzen von „Stabilität“ gibt es für Sie in keiner einzigen Subgruppe.
- Ändern Sie nicht alles auf einmal. Der Schuh ist ein Faktor zweiter Ordnung. Ein abrupter Sprung bei Umfang und Tempo kommt Sie teurer zu stehen als jede Mittelsohle.
- Beim Wechsel des Schuhtyps geben Sie sich 2–3 Wochen, um den Anteil der Läufe im neuen Paar schrittweise zu steigern.
Das Wichtigste
- Pronation ist eine normale Fußbewegung und kein Defekt; die Frage ist immer das Ausmaß und die Messmethode.
- Die einzige große verblindete RCT (372 Läufer, 6 Monate) zeigte: Stabilschuhe senkten das Gesamtverletzungsrisiko, HR = 0,55 (0,36–0,85).
- Den Hauptbeitrag lieferte die Subgruppe mit pronierendem Fuß: HR = 0,34 (0,13–0,84); bei neutralem und supinierendem Fuß gab es keinen Effekt.
- Läufer mit pronierendem Fuß verletzten sich in normalen Schuhen 1,8-mal häufiger als solche mit neutralem Fuß.
- Sekundäranalyse: Der Effekt beschränkt sich auf „pronationsbezogene“ Verletzungen — Achillessehne, Plantarfasziitis, Schienbein, vorderes Knie.
- Der Fuß wurde klinisch nach FPI-6 gemessen, nicht per Videoanalyse im Laden — das ist der entscheidende Vorbehalt.
- Eine Studie, ein Modellpaar, kleine Subgruppen: Der Schluss „alle mit Pronation brauchen Stabilschuhe“ folgt daraus nicht.
Quellen: «Injury risk in runners using standard or motion control shoes: a randomised controlled trial with participant and assessor blinding», British Journal of Sports Medicine, 2016. https://doi.org/10.1136/bjsports-2015-095031 · «Motion-Control Shoes Reduce the Risk of Pronation-Related Pathologies in Recreational Runners: A Secondary Analysis of a Randomized Controlled Trial», Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy, 2021. https://doi.org/10.2519/jospt.2021.9710