Übertrainingssyndrom: Warum die Laborwerte fast immer „normal“ sind
Eine Übersicht über 30 Studien zeigt: Einen einzelnen Marker für Übertraining gibt es nicht, die Diagnose wird per Ausschluss gestellt. Wir klären, was wirklich beobachtet werden sollte und wann der Weg nicht zum Trainer, sondern zum Arzt führt.
Ein Szenario, das fast jeder kennt, der irgendwann einmal ernsthaft das Trainingsvolumen erhöht hat: Das Tempo beim gewohnten Puls ist eingebrochen, die Beine sind die dritte Woche in Folge schwer, der Schlaf ist schlechter geworden, die Motivation fehlt. Der logische erste Schritt: Blut abnehmen lassen. Und genau hier kommt die große Enttäuschung — meistens sind die Werte normal. Das heißt nicht, dass Sie sich alles eingebildet haben. Es heißt, dass sich Übertraining auf diesem Weg nicht nachweisen lässt.
Ein Spektrum, kein Schalter
Die Verwirrung beginnt bei den Begriffen, und die sollte man gleich auflösen. Die abgestimmte Definition (gemeinsames Statement von ECSS und ACSM, 2013) beschreibt drei Zustände, die sich weniger in den Symptomen unterscheiden als in der Zeit bis zur Rückkehr in Form:
- Funktionelles Overreaching (functional overreaching) — der geplante Formeinbruch nach einem harten Block. Die Erholung dauert Tage, danach folgt die Superkompensation. Das ist ein normaler und notwendiger Teil des Trainings.
- Nicht-funktionelles Overreaching (non-functional overreaching) — derselbe Einbruch, aber der Weg heraus zieht sich über Wochen oder Monate, und am Ende steht kein Zugewinn.
- Übertrainingssyndrom (OTS) — ein schwerer Zustand, dessen Rückkehr in Monaten und Jahren gemessen wird.
Das Problem: Im Moment selbst sehen diese drei Zustände identisch aus. Unterscheiden lassen sie sich nur im Rückblick — daran, wie viel Zeit Sie gebraucht haben. Genau deshalb ist „ich habe Übertraining“ vier Tage nach einer harten Woche mit ziemlicher Sicherheit die falsche Diagnose.
Warum Laborwerte nicht helfen
Ein aktueller Scoping Review (Carrard et al.) hat 39 Publikationen zu 30 unabhängigen Studien zusammengetragen, insgesamt 952 Personen — 328 mit Anzeichen von OTS und 624 in der Kontrollgruppe. Die Aufgabe war einfach: einen Test finden, der die Diagnose stellt. Das Fazit ist ernüchternd: Einen Goldstandard gibt es nicht, und OTS bleibt eine Ausschlussdiagnose.
Etwas zeichnet sich in den Daten dennoch ab. Bei Menschen mit OTS fand man erniedrigtes Testosteron, erhöhtes Cortisol und eine abgeflachte Antwort auf Stimulationstests; Verschiebungen bei Glutamin und im Lipidprofil; Veränderungen von Immunmarkern und oxidativem Stress; eine Verschiebung der Herzfrequenzvariabilität in Richtung parasympathischer Dominanz; ein charakteristisches psychologisches Profil im POMS-Fragebogen — hohe Erschöpfung und niedrige Vigor-Werte. Eine gesonderte Erwähnung verdienen die EROS-Skalen (klinisch, vereinfacht und vollständig), die es in den Studien schafften, alle mutmaßlich übertrainierten männlichen Sportler von den Gesunden zu trennen.
Doch dann beginnen die Einschränkungen. Kein einzelner Marker besitzt ausreichende Trennschärfe — die Autoren schreiben ausdrücklich, dass Kombinationen von Variablen nötig sind, weil der Zustand mehrere Systeme betrifft. Und die EROS-Skalen müssen erst noch an großen Stichproben und bei Frauen überprüft werden, die in den Studien kaum vertreten waren.
Daraus folgt die praktische Konsequenz: Ein normales Blutbild schließt Übertraining nicht aus, und ein „schlechter“ Cortisolwert bestätigt es für sich genommen nicht.
Worauf es wirklich zu achten gilt
Da es keine Laborantworten gibt, funktionieren einfache Dinge, die Sie selbst dokumentieren können. Die Kernidee lautet: sich mit sich selbst bei gleicher Arbeit vergleichen:
- Puls bei festgelegtem Tempo. Nicht maximal, sondern ausdrücklich submaximal: dieselbe Geschwindigkeit auf derselben Runde. Ein steigender Puls bei unverändertem Tempo — oder umgekehrt ein Puls, der „nicht hochkommt“, obwohl die Belastung schwer ist — ist ein Signal.
- Geschwindigkeit der Herzfrequenz-Erholung nach einem standardisierten Abschnitt.
- Wahrgenommene Anstrengung (RPE) bei bekannter Arbeit. Wenn sich der gewohnte lockere Lauf konstant ein bis zwei Punkte schwerer anfühlt, sind das Daten und kein Gejammer.
- Stimmung und Antrieb. Nicht zufällig gehörten POMS-ähnliche Skalen zu den sensibelsten Markern: Das psychologische Profil verändert sich oft früher als das physiologische.
- Leistung oder Tempo auf einem Kontrollabschnitt — ein Einbruch, der sich mit einer Entlastungswoche nicht zurückholen lässt.
Keiner dieser Werte ist eine Diagnose. Aber ihre gemeinsame Entwicklung ist aussagekräftiger als jedes einzelne Röhrchen Blut.
Wann man zum Arzt sollte
Hier kommt eine wichtige Wendung: Bevor Sie sich selbst Übertraining attestieren, müssen Sie ausschließen, was behandelbar ist. Der konsentierte Ansatz verlangt, zuerst andere Ursachen zu verwerfen — und die Liste ist recht konkret: Eisenmangel und Anämie, Schilddrüsenstörungen, Depression, außerdem Infektionen und Energiemangel.
Das ist keine Formalität. Die Symptome all dieser Zustände überschneiden sich fast vollständig: Müdigkeit, Leistungsabfall, schlechter Schlaf, Antriebslosigkeit. Der Unterschied besteht darin, dass Eisen und Schilddrüse korrigierbar sind, während „Übertraining“ nur mit Zeit behandelt wird.
Die richtige Reihenfolge lautet deshalb: anhaltender Formverlust → Basisuntersuchung beim Arzt (einschließlich Ferritin und Schilddrüsenhormone) → und erst bei unauffälligen Ergebnissen das Gespräch über Überlastung. Getrennt davon sollte man den Energiemangel im Kopf behalten: zu wenig Essen bei hohem Volumen erzeugt ein sehr ähnliches Bild.
Und schließlich: Das Einzige, was bei einem bereits ausgeprägten Zustand wirklich wirkt, ist Belastungsreduktion und Zeit. Der Versuch, „sich da durchzulaufen“, verlängert den Weg von Wochen auf Monate.
Das Wichtigste
- Übertraining ist ein Spektrum: funktionelles Overreaching (Tage), nicht-funktionelles (Wochen bis Monate), OTS (Monate bis Jahre). Im Moment selbst sind sie nicht unterscheidbar.
- Einen diagnostischen Goldstandard gibt es nicht; OTS ist eine Ausschlussdiagnose. Die Übersicht über 30 Studien und 952 Personen hat das bestätigt.
- Einzelne Biomarker haben keine ausreichende Trennschärfe — nötig sind Kombinationen; die EROS-Skalen sind vielversprechend, aber bei Frauen nicht überprüft.
- Beobachten Sie submaximalen Puls, Herzfrequenz-Erholung, RPE bei bekannter Arbeit, Stimmung und einen Kontrollabschnitt — die Entwicklung, nicht Einzelwerte.
- Schließen Sie zuerst Eisen, Schilddrüse, Depression und Energiemangel aus — die sind behandelbar, anders als Übertraining.
- Die einzige wirksame Therapie ist Entlastung und Zeit. Diesen Zustand kann man nicht „weglaufen“.
Quellen: Carrard J., Rigort A.-C., Appenzeller-Herzog C. et al. «Diagnosing Overtraining Syndrome: A Scoping Review», Sports Health, 2022. https://doi.org/10.1177/19417381211044739. Gemeinsames Statement von ECSS und ACSM zu Overreaching und Übertrainingssyndrom, 2013. «Diagnosis and Prevention of Overtraining Syndrome: an opinion on education strategies», Open Access Journal of Sports Medicine. https://www.dovepress.com/diagnosis-and-prevention-of-overtraining-syndrome--an-opinion-on-educa-peer-reviewed-fulltext-article-OAJSM