Zyklussymptome bei Sportlerinnen: Warum die Befragung „aus dem Gedächtnis“ sie verdoppelt
108 Elitesportlerinnen führten über 554 Zyklen Tagebuch. Es zeigte sich, dass retrospektive Fragebögen die Symptome systematisch übertreiben und im Training nicht alles gleichermaßen leidet — im Fußball brach die schnelle Arbeit ein, im Radsport blieb die Leistung unverändert.
Das Gespräch über den Zyklus im Sport beruht meist auf Fragebögen: man fragt die Sportlerin, welche Symptome sie hat und wie sehr diese das Training stören. Eine französische Forschungsgruppe ging es von der anderen Seite an — sie bat darum, ein tägliches Tagebuch zu führen, und sammelte parallel dazu Sensordaten. Der Vergleich beider Bilder ergab ein Resultat, das weniger die Vorstellungen von der Physiologie verändert als vielmehr die davon, wie wir das überhaupt messen.
Wie die Studie aufgebaut ist
Teilgenommen haben 108 französische Elitesportlerinnen aus sieben Sportarten: Radsport, Rudern, Ski, Fußball, Schwimmen, Triathlon, Ringen. Die Beobachtung umfasste 554 vollständige Zyklen und 16 491 tägliche Einträge — bei einer beeindruckenden Ausfülldisziplin von 88,9 %.
Hormonelle Verhütung nutzten 45 Sportlerinnen (41,7 %), davon 80 % kombinierte orale Kontrazeptiva. Die übrigen 63 (58,3 %) hatten einen natürlichen Zyklus.
Der Hauptbefund: die Art zu fragen verändert die Antwort
Hier steckt das Wertvollste.
Im retrospektiven Fragebogen (erinnern Sie sich, was Sie üblicherweise haben) führten: Stimmungsschwankungen — 48,1 %, Müdigkeit — 47,2 %, Unterleibsschmerzen — 47,2 %.
Im täglichen Tagebuch (kreuzen Sie an, was Sie heute haben) fiel das Bild deutlich bescheidener aus: Müdigkeit — 32,4 %, Blähungen — 32,4 %, Unterleibsschmerzen — 27,8 %.
Der Unterschied bei Müdigkeit, Unterleibsschmerzen, Stimmungsschwankungen, Brustschmerzen und Heißhunger war statistisch signifikant. Die Autoren erklären das unumwunden: der retrospektive Ansatz führt zu einer Überschätzung der Symptome aufgrund der Eigenheiten des Gedächtnisses. Wir merken uns die schlechten Tage besser und konstruieren daraus eine Gesetzmäßigkeit.
Die praktische Schlussfolgerung für Trainer und Sportlerin: die Belastung nach Erinnerungen zu planen heißt, nach einem verzerrten Bild zu planen. Ein Tagebuch, das zwei Sekunden am Tag kostet, liefert eine andere Datenqualität.
Zweite Beobachtung: Sportlerinnen mit natürlichem Zyklus berichteten häufiger über Symptome als jene, die hormonell verhüteten — sowohl im retrospektiven Fragebogen als auch im täglichen. Das ist eine Beobachtung und kein Beleg für einen Nutzen der Verhütung: Frauen mit schweren Symptomen greifen möglicherweise gerade deswegen häufiger dazu. Ursache und Wirkung sind hier nicht zu trennen.
Was mit dem Training passiert
Hier hat die Studie getan, was sonst meist fehlt: sie hat das Befinden mit objektiven Sensordaten abgeglichen.
Fußball (33 Spielerinnen). An Tagen mit Symptomen sank der Umfang des Hochgeschwindigkeitslaufs signifikant: der Distanzanteil im Bereich 13–19 km/h fiel von 8,9 % auf 8,0 % des gesamten Trainingsumfangs.
Radsport (31 Sportlerinnen). Die normalisierte Leistung unterschied sich nicht zwischen „symptomatischen“ und „symptomfreien“ Einheiten.
Das ist eine wichtige Diskrepanz. Offenbar leidet nicht die Leistungsfähigkeit allgemein, sondern gerade die Bereitschaft zu intensiven Antritten — also das, was sowohl körperliche als auch motivationale Schärfe verlangt. Gleichmäßige Arbeit bei konstanter Leistung wird normal vertragen.
Das Befinden sank dabei beständig: Formeinschätzung 6,2 gegenüber 5,5 (p < 0,001), Stimmung 6,7 gegenüber 6,4 (p < 0,001), Schlafqualität mit einem geringeren, aber signifikanten Unterschied (p = 0,017).
Wie man das anwendet
- Führen Sie ein tägliches Tagebuch, statt sich zu erinnern. Auch ein minimales: zwei, drei Häkchen pro Tag. Die Retrospektive lügt systematisch in Richtung Übertreibung.
- Streichen Sie das Training nicht komplett — ändern Sie seinen Charakter. Die Daten legen nahe, dass es an Symptomtagen sinnvoller ist, den Schwerpunkt von kurzen intensiven Antritten auf gleichmäßige Arbeit zu verschieben, als die Einheit ausfallen zu lassen.
- Übertragen Sie fremde Schemata nicht auf sich. Die Streuung zwischen den Sportlerinnen ist riesig, und „trainiere nach Zyklusphasen“ als allgemeingültige Regel wird von den Daten nicht gestützt — dazu haben wir eine eigene Analyse.
- Verfolgen Sie das Befinden gemeinsam mit der Belastung. Der Einbruch auf den subjektiven Skalen erwies sich als empfindlicherer Marker als die Leistungswerte.
Einschränkungen
Die Autoren verschweigen die Schwachstellen nicht. Die Schwere der Symptome wurde nicht erfasst — nur ihr Vorhandensein, weshalb Sportlerinnen mit hoher Schmerzschwelle ihren Zustand unterschätzt haben könnten. Objektive Daten lagen nur für die Sportarten mit Sensoren vor — Fußball und Radsport. Die Zyklusphasen wurden per Selbstauskunft bestimmt, ohne hormonelle Bestätigung. Und selbst bei hoher Ausfülldisziplin summiert sich die Ermüdung durch die täglichen Einträge unweigerlich.
Das Wichtigste
- 108 Elitesportlerinnen, 554 Zyklen, 16 491 Einträge; 41,7 % nutzten hormonelle Verhütung.
- Retrospektive Fragebögen überschätzen die Symptome: 48,1 % Stimmungsschwankungen aus dem Gedächtnis gegenüber 32,4 % Müdigkeit im Tagebuch; die Abweichung ist signifikant.
- Sportlerinnen mit natürlichem Zyklus berichteten häufiger über Symptome als jene mit Verhütung — doch das ist ein Zusammenhang und keine belegte Ursache.
- Im Fußball brach an Symptomtagen die Hochgeschwindigkeitsarbeit ein (8,9 % → 8,0 % der Distanz), im Radsport blieb die Leistung unverändert.
- Das Befinden sank beständig: Form 6,2 → 5,5, Stimmung 6,7 → 6,4.
- Praxis: tägliches Tagebuch statt Erinnerungen, Änderung des Trainingscharakters statt Absage.
Quellen: „Menstrual cycle or hormonal contraceptive related symptoms in elite female athletes from retrospective self-questionnaires and daily monitoring: impact on well-being and objective performance metrics“, Frontiers in Sports and Active Living, 2025. https://doi.org/10.3389/fspor.2025.1693190. „Effects of Hormonal Contraceptives on Non-Bone Related Injury Risk and Athletic Performance in Female Athletes: A Systematic Review of the Literature“, Annals of Sports Medicine and Research. „Hormonal Contraceptives and the Gut Microbiome in Female Athletes“. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12378088/