Der vollständige Hydratations-Leitfaden für Läufer: Wie man Wasserverlust berechnet und in Form bleibt
Wie viel musst du wirklich während des Trainings trinken? Warum verlieren Elite-Marathonläufer 10% des Körpergewichts und stellen Rekorde auf, während Amateure davor Angst haben, 2% zu verlieren? Lass uns in die Wissenschaft, Mythen und Formeln eintauchen.

Gib es zu: Du hast den Rat „trink mehr Wasser" von jemandem gehört, der keine Ahnung hat, wie viel „mehr" eigentlich bedeutet.
Das Hydratationsproblem beim Laufen ist wie die Geschichte vom Elefanten und den Blinden. Einige schreien über Dehydrierung und fordern, dass du alle 15 Minuten trinkst. Andere reden über Hyponatriämie und raten „nach Durst trinken". Wieder andere verkaufen Sportgetränke mit dem Versprechen von +30% Ausdauer.
Was sagt die Wissenschaft? Spoiler: Sie sagt viele interessante Dinge. Und einiges davon wird dich überraschen.
Das Hauptparadox: Elite-Läufer verlieren mehr — und laufen schneller
2009 passierte etwas Seltsames beim Dubai Marathon. Forscher wogen Elite-Läufer vor und nach dem Rennen. Ergebnisse:
- Durchschnittlicher Gewichtsverlust unter Top-Finishern: 8,8%
- Der Sieger verlor 9,8% seines Körpergewichts
- Zeit des Siegers: 2:06:31
Warte. Wurde uns nicht gesagt, dass mehr als 2% zu verlieren katastrophal ist? Dass die Leistung abfällt, der Körper zusammenbricht und der Läufer zu einer gekochten Nudel wird?
Die Studie von Zouhal et al. (2011) über 643 Marathonläufer fand eine inverse Korrelation: Je größer der Gewichtsverlust, desto schneller der Zieleinlauf. Nicht direkt. Invers.
Wie ist das möglich?
Woher der 2%-Mythos kam
Die Geschichte der Hydratationsempfehlungen im Sport ist eine Geschichte eines Pendels, das von einem Extrem zum anderen schwingt.
1900-1960er: „Trinke überhaupt nicht." James E. Sullivan, Leiter der Amateur Athletic Union, schrieb 1909: „Gewöhne dich nicht daran, während eines Marathons zu trinken und zu essen." Läufer tranken wirklich nicht während der Rennen. Und überlebten irgendwie.
1965: Dr. Robert Cade erfindet Gatorade. Florida-Gators-Spieler verloren bis zu 8 kg pro Spiel, und das neue Getränk versprach, das Problem zu lösen.
1996: Das Pendel schwang in die andere Richtung. Das American College of Sports Medicine empfiehlt „die maximal mögliche Flüssigkeitsmenge trinken" — bis zu 1,2 Liter pro Stunde. Sportmarken griffen die Botschaft gerne auf.
2002: Tragödie. Die 28-jährige Dr. Cynthia Lucero stirbt beim Boston Marathon. Die Ursache — nicht Dehydrierung. Hyponatriämie. Sie trank zu viel Wasser.
Seit 1981 wurden mindestens 14 Todesfälle durch übermäßiges Trinken bei Ausdauerveranstaltungen dokumentiert. Durch Dehydrierung während des Wettkampfs — keine.
Der moderne wissenschaftliche Konsens, etabliert bei der Third International Exercise-Associated Hyponatremia Consensus Conference (2015): Nach Durst trinken ist ausreichend.
Was wirklich passiert, wenn du Wasser verlierst
Lass uns die Physiologie verstehen. Wenn du läufst und schwitzt, passiert Folgendes:
- Das Blutplasma verliert Volumen — das Blut wird dicker
- Der venöse Rückfluss zum Herzen nimmt ab — weniger Blut kehrt für den nächsten Zyklus zurück
- Das Schlagvolumen sinkt — das Herz pumpt weniger Blut pro Schlag
- Die Herzfrequenz steigt kompensatorisch — das Herz schlägt schneller, um den Blutfluss aufrechtzuerhalten
Das nennt man Cardiac Drift. Die Studie von Coyle & González-Alonso (2001) quantifizierte den Effekt:
| Körpergewichtsverlust | HF-Anstieg | Schlagvolumen-Abfall |
|---|---|---|
| ~1% | +3-5 bpm | -3-5 ml/Schlag |
| ~2% | +8-10 bpm | -8-10 ml/Schlag |
| ~3% | +15-18 bpm | -15-18 ml/Schlag |
Praktische Bedeutung: Wenn bei deinem üblichen Tempo von 5:00/km deine Herzfrequenz normalerweise 150 ist, wird sie bei 3% Dehydrierung bei etwa 165-168 liegen. Du denkst, du bist müde oder übertrainiert. Tatsächlich — du hast nur nicht genug getrunken.
Aber! Das bedeutet nicht, dass du trinken musst, bis du blau bist. Cardiac Drift ist kein Todesurteil. Elite-Läufer leben jahrelang damit und stellen Rekorde auf.
Was bestimmt, wie viel du schwitzt
Deine persönliche Sweat Rate ist eine sehr individuelle Sache. Sie hängt ab von:
1. Lufttemperatur
Laut Baker et al. (2017) liegt der typische Schweißbereich für Athleten bei 0,5-2,0 L/Stunde. Aber die Variation ist enorm:
| Bedingungen | Durchschnittliche Sweat Rate |
|---|---|
| Kalt (<10°C) | ~0,5-0,8 L/Stunde |
| Angenehm (10-20°C) | ~0,8-1,2 L/Stunde |
| Warm (20-30°C) | ~1,2-1,8 L/Stunde |
| Heiß (>30°C) | ~1,5-2,5+ L/Stunde |
Der Rekord gehört Alberto Salazar — beim Olympia-Marathon 1984 schwitzte er mit 3,71 L/Stunde. Das sind fast eine Gallone Wasser pro Stunde!
2. Trainingsintensität
Je schneller du läufst — desto mehr Wärme produzierst du — desto mehr schwitzt du. Die Studie von Holmes et al. (2016) zeigte: Beim Übergang von leichtem Laufen zu Tempo verdoppelt sich die Sweat Rate fast.
Hier sind ungefähre Werte für einen 70-kg-Athleten:
| Intensitätszone | Sweat Rate (20-30°C) |
|---|---|
| Zone 1-2 (Erholung) | 1,2-1,5 L/Stunde |
| Zone 3 (aerob) | 1,7-1,8 L/Stunde |
| Zone 4-5 (Tempo/Intervalle) | 2,0-3,5 L/Stunde |
3. Luftfeuchtigkeit
Luftfeuchtigkeit ist tückisch. Sie beeinflusst nicht so sehr das Schweißvolumen als die Kühlungseffizienz. Bei hoher Luftfeuchtigkeit verdunstet der Schweiß nicht — er tropft nur ab, ohne dich zu kühlen.
Bei Luftfeuchtigkeit über 70% beginnt Hidromeiose — Schweißdrüsen „ertrinken" buchstäblich und beginnen schlechter zu arbeiten. Der Körper überhitzt.
Anpassungsfaktoren:
- Luftfeuchtigkeit <60%: keine Anpassung
- Luftfeuchtigkeit 60-80%: +20% zu den Verlusten
- Luftfeuchtigkeit >80%: +30% zu den Verlusten
4. Dein Gewicht
Mehr Masse — mehr Wärme bei gleicher Geschwindigkeit — mehr Schwitzen. Ungefähre Anpassung: +0,1 L/Stunde für jede 10 kg über 70 kg (und umgekehrt für geringeres Gewicht).
5. Training und Akklimatisierung
Paradox: Trainierte Athleten schwitzen mehr, nicht weniger. Ihr Thermoregulationssystem arbeitet effizienter — setzt früher ein, reagiert schneller.
Nach 10-14 Tagen Training in Hitze (Hitzeakklimatisierung):
- Sweat Rate steigt um 10-20%
- Aber! Natriumkonzentration im Schweiß sinkt um 30-60%
- Schwitzen beginnt früher
- Gesamte Kühlungseffizienz ist höher
Wie viel trinken? Konkrete Zahlen
Genug Theorie. Hier sind praktische Empfehlungen basierend auf ACSM (2007) und IOC Consensus Statement (2023):
Vor dem Training
- 5-10 ml pro kg Gewicht 2 Stunden vor dem Start
- Für einen 70-kg-Läufer: 350-700 ml
- Urin sollte hellgelb sein (nicht klar!)
Während des Trainings
- 400-800 ml/Stunde — universeller Bereich für die meisten Bedingungen
- Bei Hitze: näher an der Obergrenze
- Bei Kälte: näher an der Untergrenze
- Niemals mehr als 1000-1200 ml/Stunde trinken — das ist die GI-Absorptionsgrenze
Wichtige Regel
Nimm nicht zu während des Trainings oder Rennens. Wenn du schwerer beendet hast als du angefangen hast — hast du zu viel getrunken. Das ist ein direkter Weg zur Hyponatriämie.
Akzeptabler Verlust: 2-4% der Körpermasse für trainierte Athleten. Ja, das ist mehr als die beängstigenden „2%" aus alten Empfehlungen.
Wie du deine persönliche Sweat Rate findest
Universelle Tabellen sind gut. Aber dein Körper kann vom Durchschnitt um 50% in beide Richtungen abweichen. Deshalb ist der Goldstandard ein Sweat-Test.
Protokoll (dauert 1 Stunde):
- Geh zur Toilette
- Wiege dich ohne Kleidung → notiere als Masse A
- Laufe 60 Minuten unter Bedingungen, die deinem Zielrennen nahekommen
- Notiere alles, was du getrunken hast → Flüssigkeit Z (in Litern)
- Trockne dich mit einem Handtuch ab, wiege dich → Masse B
Formel:
Sweat Rate (L/Stunde) = (Masse A - Masse B) + Flüssigkeit Z
Beispiel:
- Masse vorher: 70,5 kg
- Masse nachher: 69,8 kg
- Getrunken: 0,5 L
- Sweat Rate = (70,5 - 69,8) + 0,5 = 1,2 L/Stunde
Jetzt weißt du: Um bei einem 3-Stunden-Training nicht mehr als 2-3% der Masse zu verlieren, musst du etwa 0,8-1,0 L/Stunde trinken (70-80% der Verluste).
Was bei schwerer Dehydrierung passiert
Wenn das Flüssigkeitsdefizit signifikant wird, werden Zonen- und Kalorienberechnungen basierend auf Herzfrequenz ungenau:
| Massenverlust | HF-Anstieg (Drift) | Berechnungsfehler |
|---|---|---|
| >2,5% | +2% | ~10% |
| >4% | +4% | ~15% |
| >5,5% | +5% | ~20% |
| >7% | +6% | ~28% |
| >8,5% | +7% | ~35% |
Bei Verlusten über 8,5% werden die Daten so ungenau, dass man sich nicht darauf verlassen kann.
Rote Flaggen: Wann man sich Sorgen machen sollte
Anzeichen von Dehydrierung:
- Durst (ja, das ist das Haupt- und zuverlässigste Signal)
- Dunkler Urin
- Schwindel
- Plötzlicher Tempoabfall bei gleicher Anstrengung
Anzeichen von Überhydrierung:
- Gewichtszunahme während des Rennens
- Schwellung von Händen und Füßen
- Übelkeit
- Kopfschmerzen
- Verwirrung
Überhydrierung ist gefährlicher als Dehydrierung. Wenn du Symptome fühlst — höre auf zu trinken und suche medizinische Hilfe.
Praktische Checkliste
2-4 Wochen vor einem wichtigen Rennen:
- Führe einen Sweat-Test unter rennnahen Bedingungen durch
- Bestimme deine persönliche Sweat Rate
- Plane deine Hydratationsstrategie
Am Renntag:
- Trinke 5-10 ml/kg 2 Stunden vor dem Start
- Bringe genug Flüssigkeit mit oder studiere die Lage der Verpflegungsstationen
- Trinke nach Durst, aber nicht mehr als 800-1000 ml/Stunde
- Trinke nicht „im Voraus" — das ist gefährlicher als zu wenig trinken
Nach dem Rennen:
- Wiege dich und vergleiche mit dem Startgewicht
- 2-4% verloren? Großartig, dir geht's gut
- Mehr als 5% verloren? Trinke beim nächsten Mal mehr
- Gewicht zugenommen? Du hast zu viel getrunken — passe deine Strategie an
Fazit
Hydratation beim Laufen ist keine Raketenwissenschaft. Aber es ist auch nichts Intuitives, das ignoriert werden kann.
Wichtigste Erkenntnisse:
- Nach Durst trinken funktioniert — die Evolution verbrachte 300 Millionen Jahre damit, diesen Mechanismus zu schaffen
- 2% ist keine magische Katastrophenschwelle — Elite-Athleten verlieren regelmäßig 5-10% und werden Erste
- Übermäßiges Trinken ist gefährlicher als unzureichendes — Hyponatriämie tötet, moderate Dehydrierung nicht
- Deine Sweat Rate ist individuell — finde sie durch einen einfachen Test heraus
- Der Rechner hilft bei der Planung — ersetzt aber nicht gesunden Menschenverstand und Körpersignale
Laufe, schwitze, trinke wenn du willst. Und glaube niemandem, der sagt, er kenne die genaue Antwort für jeden. Sie existiert nicht.