Der Anzug, der 1 % Laufökonomie bringt: warum es nicht um Aerodynamik geht
adidas behauptet, der Techfit Endurance Suit verbessere die Laufökonomie um „mehr als 1 %“ — das sind rund 48 Sekunden auf einem Zwei-Stunden-Marathon. Das Interessanteste: Der Hersteller sagt nicht, dass es an der Windschlüpfrigkeit liegt. Bänder aus Polyurethan stabilisieren das Becken.

Am 23. August 2026 lief Yomif Kejelcha den Halbmarathon in Buenos Aires in 56:51 — der erste legale „Sub-57“ der Geschichte und 29 Sekunden schneller als der Rekord von Jacob Kiplimo. Und fast sofort entbrannte in den Lauf-Chats ein Streit, der nicht der Vorbereitung des Äthiopiers galt, sondern seiner Kleidung.
Der Grund: Im Frühjahr lief derselbe Kejelcha beim London-Marathon in einer adidas-Neuheit — dem Techfit Endurance Suit. Das Unternehmen behauptet, der Anzug verbessere die Laufökonomie um „mehr als 1 %“.
Was genau behauptet wird
Ein Prozent Ökonomie ist nicht ein Prozent Zeit. Umgerechnet ergibt das rund 0,67 % Ergebnis: etwa 48 Sekunden auf einer Distanz, die in zwei Stunden gelaufen wird. Zum Vergleich: Die Carbonplatte im Schuh brachte seinerzeit in der Größenordnung von 4 %.
Wichtiger als die Zahl ist der behauptete Mechanismus. Naheliegend wäre Aerodynamik: ein enganliegender Anzug, weniger flatternder Stoff, weniger Widerstand. Doch adidas spricht nicht davon.
Die Konstruktion ist ein durchgehender Anzug von den Schultern bis zu den Knien, über den lasergeschnittene Bänder aus thermoplastischem Polyurethan verlaufen. Ihre Aufgabe: Becken und Hüftgelenke stabilisieren. Die Formulierung von Jessica Hunter, im Unternehmen für die Arbeit mit Athleten zuständig: Rumpf und Becken lassen sich nur mit einem durchgehenden Kleidungsstück verbinden, mit einem in Shirt und Shorts zerschnittenen geht das nicht.
Der Anzug wird also nicht als Verkleidung verkauft, sondern als Exoskelett der weichen Art: Er soll verhindern, dass die Technik zerfällt, wenn die beckenstabilisierende Muskulatur ermüdet. Und sie zerfällt bei allen — in der dritten Stunde sackt das Becken ab, der Schritt wird kürzer, der Preis pro Kilometer steigt.
Warum man das mit Vorsicht behandeln sollte
Die Zahl „mehr als 1 %“ ist eine Herstellerangabe. Keine begutachtete Publikation. Weder Stichprobengröße noch Labor, weder Protokoll noch die Vergleichsbedingung sind offengelegt — ob gegen die übliche Teamausstattung verglichen wurde oder gegen etwas absichtlich Ungünstiges. In der Schuhindustrie haben wir das bereits durch: Werksprozente und unabhängige Laborprozente stimmen selten überein.
Ökonomie im Labor ist nicht Zeit im Rennen. Der Umrechnungsfaktor 0,67 gilt auf dem Laufband bei konstanter Geschwindigkeit. Im Marathon mischen sich Hitze, Verpflegung, Taktik und genau jene Degradation ein, um derentwillen der Anzug erfunden wurde.
Die Athleten selbst sind gespalten. Die erste Reaktion auf den Prototyp beschreibt man im Unternehmen unumwunden: Die Läufer haben gelacht. Kejelcha sagte am Ende, er spüre Unterstützung an Hüfte und Rücken und wolle darin laufen. Sébastien Sauve dagegen, der im Anzug trainiert hatte, ging in normalen Shorts an den Start.
Und das Wichtigste, worüber der Hersteller schweigt, ist die Wärmeabgabe. Ein durchgehender, enganliegender Anzug von den Schultern bis zu den Knien bedeckt genau die Fläche, über die Schweiß verdunstet. In Buenos Aires waren es am Start +6 °C — ideale Bedingungen. Was dieser Anzug bei einem Marathon mit +20 °C und hoher Luftfeuchtigkeit mit der Thermoregulation macht, hat öffentlich niemand gezeigt. Für einen Freizeitläufer, der vier Stunden unterwegs ist statt zwei, ist das kein Detail, sondern die Hauptfrage.
Übrigens: Was Kejelcha in Buenos Aires genau trug, präzisiert World Athletics im Rekordbericht nicht — die Version mit dem Anzug bei diesem Rennen bleibt damit eine Chat-Vermutung und kein Fakt.
Die Regelungslücke
World Athletics reglementiert Schuhe detailliert: Sohlendicke, Zahl der Platten, Verfügbarkeitsfrist des Modells im Handel. Kleidung reglementiert der Verband überhaupt nicht.
Die Analogie drängt sich auf. 2008 brachte Speedo den LZR Racer heraus — einen Polyurethananzug, in dem binnen zwei Jahren Dutzende Weltrekorde umgeschrieben wurden. Es endete mit dem Verbot nach heutigen Maßstäben bescheidener Technologien und mit Jahren, in denen die Rekorde unerreichbar stehen blieben. Ehemalige Olympiateilnehmer fordern den Verband bereits auf, das Drehbuch nicht zu wiederholen und die Bekleidungsfrage vorab zu klären.
Der Unterschied: Der LZR gab Auftrieb und senkte den Wasserwiderstand — ein direkter und messbarer Effekt. Hier wird ein Effekt zweiter Ordnung behauptet: nicht „schiebt nach vorn“, sondern „verhindert das Zerfallen“. So etwas zu regulieren ist ungleich schwerer.
Was daraus für Freizeitsportler folgt
- Zu kaufen gibt es nichts. Der Anzug existiert im Umfeld von Eliteverträgen, als Massenprodukt wird er nicht verkauft.
- Die Idee lässt sich übertragen, das Kleidungsstück nicht. Wenn 1 % aus der Beckenstabilität unter Ermüdung kommt, dann liegt dasselbe Prozent beim Freizeitläufer in Krafttraining für die Gesäßmuskulatur und im Laufen auf Ermüdung — und das kostet weniger als jeder Anzug.
- Enganliegende Kleidung allein bringt kein Prozent. Kompressionstights und ein Einteiler aus Trikotstoff sind kein Techfit; der behauptete Effekt wird konkreten Polyurethanbändern an konkreten Stellen zugeschrieben.
- In der Hitze ist ein durchgehender Anzug ein Risiko, kein Vorteil. Solange es keine Daten zur Wärmeabgabe gibt, ist er bei Rennen über +15 °C eine Wette im Blindflug.
Das Wichtigste
- Am 23.08.2026 stellte Kejelcha den Halbmarathon-Weltrekord auf — 56:51 (zuvor: 57:20, Kiplimo), bei +6 °C und Rückenwind auf einem Teil der Strecke.
- adidas behauptet, der Techfit Endurance Suit bringe mehr als 1 % Laufökonomie — rund 48 Sekunden auf einem Zwei-Stunden-Marathon.
- Der Mechanismus laut Hersteller ist keine Aerodynamik, sondern die Beckenstabilisierung durch Bänder aus thermoplastischem Polyurethan.
- Die Zahl ist durch keine unabhängige, begutachtete Publikation bestätigt; Protokoll und Stichprobe sind nicht offengelegt.
- Die Reaktion der Athleten ist uneinheitlich: Kejelcha lief London im Anzug, Sauve verzichtete am Start darauf.
- World Athletics reglementiert Schuhe, aber keine Kleidung — der Präzedenzfall LZR Racer im Schwimmen endete mit einem Verbot.
- Die offene und nicht diskutierte Frage ist die Thermoregulation: Ein durchgehender Anzug bedeckt die Verdunstungsfläche.
Quellen: World Athletics, Bericht zum Halbmarathon-Weltrekord, Buenos Aires, 23.08.2026. https://worldathletics.org/competitions/world-athletics-label-road-races/news/world-half-marathon-record-buenos-aires-2026-yomif-kejelcha · LetsRun, „Adidas claims new speedsuit used in sub-2 hour London Marathon improves running economy by more than 1 percent“, Mai 2026 · Marathon Handbook, „Adidas Built A Suit That Makes You Run Faster“, 2026