Hyponatriämie: wenn es zu viel Wasser wird

Beim Marathon und Ultra ist zu viel Trinken manchmal gefährlicher als zu wenig. Wir klären, was Hyponatriämie ist, warum Ausdauersport eine Risikozone ist und wie man klug trinkt.

EG
Ekaterina Gromova

Man hat uns jahrelang eingebläut: Der Hauptfeind auf der Strecke ist die Dehydrierung, also trink, trink und trink noch mehr. Doch Ausdauer hat eine Kehrseite, über die weit seltener gesprochen wird. Manchmal leidet der Körper nicht unter zu wenig Wasser, sondern unter zu viel davon. Dieser Zustand heißt Hyponatriämie, und beim Marathon oder Ultra kann er sich als gefährlicher erweisen als leichtes Unter-Trinken.

Was Hyponatriämie ist

Natrium ist ein Elektrolyt, der hilft, die Wassermenge in den Zellen und um sie herum zu regulieren. Ein gesunder Natriumspiegel im Blut liegt bei 135 bis 145 mmol/l. Eine Hyponatriämie tritt ein, wenn er auf Werte von < 135 mmol/l fällt.

Der Mechanismus ist folgender: Ein oder mehrere Faktoren verdünnen das Natrium im Körper, der Wasseranteil im Körper steigt, und die Zellen beginnen zu schwellen. Genau dieses Anschwellen ruft die Symptome hervor — von leicht bis lebensbedrohlich. Am gefährlichsten ist das Anschwellen des Hirngewebes.

Warum Ausdauer eine Risikozone ist

Die Logik ist einfach und tückisch. Mit dem Schweiß verlieren wir nicht nur Wasser, sondern auch Natrium. Wenn man sich während einer langen Belastung übermäßig Wasser einflößt, schaffen es die Nieren nicht, die überschüssige Flüssigkeit auszuscheiden — und das Natrium im Blut wird noch stärker verdünnt. Genau deshalb zählt die Mayo Clinic Marathons, Ultramarathons und Triathlon ausdrücklich zu den Risikofaktoren: Es handelt sich um lange, hochintensive Belastungen, bei denen man leicht zu viel trinkt.

Die Entwicklung verläuft nach zwei Szenarien. Bei chronischer Hyponatriämie sinkt das Natrium allmählich, über 48 Stunden und länger, und die Symptome sind meist milder. Bei akuter Hyponatriämie fällt es rasch, und das droht mit einem stürmischen Hirnödem, Koma und Tod. Die Marathon-Situation ist genau die akute Variante: mehrere Stunden aktives Übertrinken am Stück.

Noch eine Nuance: Laut Mayo Clinic gehören Menschen in der Prämenopause zur Gruppe mit dem höchsten Risiko einer Hirnschädigung. Vermutlich hängt das mit dem Einfluss der Geschlechtshormone auf die Fähigkeit des Körpers zusammen, das Natrium auszubalancieren.

Anzeichen auf der Strecke und der Hauptmythos

Symptome der Hyponatriämie laut Mayo Clinic:

  • Übelkeit und Erbrechen;
  • Kopfschmerzen;
  • Verwirrtheit;
  • Kraftverlust, Schläfrigkeit, Müdigkeit;
  • Unruhe und Reizbarkeit;
  • Muskelschwäche, Krämpfe oder Zuckungen;
  • Krampfanfälle;
  • Koma.

Das Tückische ist, dass viele dieser Anzeichen — Übelkeit, Kopfschmerzen, Verwirrtheit — eins zu eins den Symptomen der Dehydrierung ähneln. Und hier greift der Hauptmythos der Ausdauer: „Mir ist schlecht geworden — also muss ich mehr trinken." Liegt die Ursache im Übertrinken, verschlimmert das zusätzliche Wasser den Zustand nur.

Achten Sie besonders auf Muskelkrämpfe: Man schreibt sie gewohnheitsmäßig dem Wassermangel zu und schwemmt sie mit noch mehr Flüssigkeit hinunter. Dabei stehen Krämpfe auf der Symptomliste der Hyponatriämie selbst.

Wie man das in der Praxis anwendet

  • Trinken Sie nach Durst. Die Mayo Clinic rät Sportlern, etwa so viel Flüssigkeit zu ersetzen, wie mit dem Schweiß verloren geht. Der Durst ist ein guter Anhaltspunkt für die Menge.
  • Prüfen Sie die Urinfarbe. Wenn Sie nicht trinken möchten und der Urin hellgelb ist, ist wahrscheinlich genug Wasser vorhanden.
  • Bei langen Starts — nicht nur Wasser. Bei Marathons und Triathlons ist es sinnvoll, einen Teil des Wassers durch Sportgetränke mit Elektrolyten zu ersetzen (besprechen Sie das mit Ihrem Arzt).
  • Trinken Sie nicht „auf Vorrat". Ein Überschuss an Wasser überlastet die Nieren. Hier zählt das Maß, nicht das Maximum.
  • Kennen Sie die roten Flaggen. Übelkeit und Erbrechen, Verwirrtheit, ein Krampfanfall oder Bewusstseinsverlust sind ein Grund, sofort Notfallhilfe aufzusuchen.

Das Wichtigste

  • Hyponatriämie ist ein Abfall des Natriums im Blut auf < 135 mmol/l; die Zellen schwellen an, die gefährlichste Folge ist das Hirnödem.
  • Mit dem Schweiß geht Natrium verloren, und Übertrinken auf langer Strecke verdünnt es noch stärker — deshalb kann beim Marathon und Ultra zu viel Trinken gefährlicher sein als zu wenig.
  • Die akute Form entwickelt sich über Stunden und droht mit Koma; ein Ausdauerlauf ist ein typisches Szenario.
  • Die Symptome tarnen sich als Dehydrierung, deshalb kann der Instinkt „noch mehr trinken" schaden.
  • Orientierungspunkte für die Norm sind Durst und hellgelber Urin; bei langen Starts Elektrolyte hinzufügen.

Quelle: Mayo Clinic — Hyponatremia. https://www.mayoclinic.org/diseases-conditions/hyponatremia/symptoms-causes/syc-20373711